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  • WandelOase Köln

Offener Brief an die Betroffene

Aktualisiert: 29. Sept. 2021

Vorwort


Die Veröffentlichung dieses Briefs wurde von der betroffenen Person gewünscht.

Vorab hatte sie die Gelegenheit diesen zu lesen und ist mit der Veröffentlichung dieser Fassung einverstanden.


Mitte August 2020 wurde ein Vorwurf sexualisierter Gewalt an uns herangetragen. Sowohl die Betroffene als auch der Beschuldigte waren zum damaligen Zeitpunkt aktiv in der WandelOase Köln.


Wir - das ist eine Gruppe von Individuen aus dem Kernteam der WandelOase Köln - haben eine Nachricht von der betroffenen Person erhalten. Keine*r von uns war zuvor mit einem solchen Vorwurf konfrontiert, hatte zuvor Betroffenenarbeit geleistet oder sich tiefergehend mit Grenzüberschreitungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen befasst.

In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten haben wir versucht, mit der Situation umzugehen. Wir haben viel gelernt und uns intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt.

Heute erkennen wir, dass wir viele Fehler gemacht haben. Dafür übernehmen wir die volle Verantwortung.

Seit einigen Monaten befinden wir uns dazu in einem Prozess zur Verantwortungsübernahme, der durch die professionelle Unterstützung von Rehzi Malzahn begleitet wird. Wir haben uns dabei an dem Modell aus „Judah Oudshorn, Michelle Jackett und Lorraine Stutzman-Amstutz: Restorative Justice for Sexual Abuse“ (S. 28) orientiert. Darin betrachten wir unsere Handlungen - was wir getan (oder unterlassen) haben, beschreiben unsere Motive und Bedürfnisse dahinter und wie es dazu kam und erkennen an, welches Leid wir ausgelöst haben. Darüber hinaus stellen wir dar, was wir gelernt haben und was wir tun, damit solche Fehler nicht wieder passieren.

Diesen Prozess haben wir dann in diesem offenen Brief an die Betroffene festgehalten.


Wir haben seit Bekanntwerden des Vorwurfs stets als Individuen bzw. als Gruppe gehandelt und sehen, dass wir nur als solche in der Lage sind, die Verantwortung für das Geschehene / unsere Handlungen zu übernehmen.

Die WandelOase Köln ist eine Initiative und eine Gemeinschaft. Wir, die Verfasser*innen dieses Briefes, haben die Initiative gemeinsam mit gegründet. Bis Anfang 2021 haben wir den Vorfall in keinem Plenum der WandelOase angesprochen oder in irgendeiner Weise an die Gemeinschaft herangetragen.

Alle Entscheidungen, die wir gefällt haben, sehen wir daher als individuelle Entscheidungen bzw. als Entscheidungen dieser Gruppe. Damit möchten wir sagen: Wir können hier nicht im Namen der Gemeinschaft der WandelOase Köln sprechen.

Wir können und wollen niemanden dazu zwingen ebenfalls Verantwortung für unsere Fehler zu übernehmen, nur weil er*sie aktiv in den Strukturen der WandelOase war, ist oder sein wird.

Dies ist der Grund, warum dieser offene Brief nicht auf der Webseite der WandelOase steht, sondern wir diesen Blog eingerichtet haben.


In diesem Brief wenden wir uns an die betroffene Person. Was hier steht muss für niemanden Sinn ergeben, außer für sie und für uns.



Liebe L.,

in diesem Brief möchten wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Nachdem Du Dich vertrauensvoll an uns gewandt hast, haben wir einige Fehler gemacht.

Wir möchten Dir versichern, dass wir, damals wie heute, den Vorwurf sehr ernst genommen haben. Wir bedauern von Herzen, dass wir Dir das nicht klar kommuniziert haben. In den letzten Monaten haben wir sehr viel dazu gelernt und erkennen rückblickend, was wir hätten anders machen können.

Zudem möchten wir Dir versichern, dass wir nie mit dem Vorsatz gehandelt haben, Dir Leid zuzufügen. Wir wussten es zum damaligen Zeitpunkt nicht besser.

Wir erkennen, dass viele Entscheidungen, die Einzelpersonen oder wir als Gruppe getroffen haben sowie Aussagen und Taten, die individuell oder kollektiv getätigt wurden, dazu beigetragen haben, Dein Leid zu mehren, anstatt es zu verringern… wir alle bedauern das zutiefst.


Gleichzeitig gibt es Entscheidungen, welche wir getroffen haben, die nicht dem entsprochen haben, was Du Dir gewünscht hättest, zu denen wir auch heute noch stehen. Wir möchten ehrlich zu Dir sein und Dir in diesem Brief auch die Beweggründe für dieses Handeln aufzeigen, in der Hoffnung, dass Du mehr Klarheit bekommst, warum wir so gehandelt haben.



Parteilichkeit

Wir möchten Dir zunächst Klarheit darüber geben, warum wir uns damals gegen das uns vorgestellte Prinzip der Parteilichkeit entschieden haben.

Deine Freundin war bei einem unserer Treffen. Sie beschrieb das “Prinzip der Parteilichkeit” folgendermaßen:


Wenn es einen Vorwurf gibt, wird der*die Betroffene bedingungslos unterstützt. Der*die Beschuldigte wird ausnahmslos und mit sofortiger Wirkung aus der Organisation ausgeschlossen - und das auf Lebenszeit.


Wir sagten Deiner Freundin damals, dass wir nicht bereit sind diesem Prinzip zu folgen. Dazu stehen wir auch heute noch. Und damit meinen wir nicht den Teil der Unterstützung für eine betroffene Person, sondern den Ausschluss eines*r Beschuldigten.

Wir glauben an einen restaurativen Ansatz: Wir möchten Taten verurteilen und keine Menschen. Wir möchten keine Menschen als Täter stigmatisieren, sondern über Taten bzw. Handlungen sprechen. Wir möchten sensibilisieren. Wir möchten gemeinsam lernen. Wir glauben fest daran, dass kein Mensch austauschbar ist; dass jeder Mensch wertvoll ist; dass jeder Mensch es verdient hat, nicht auf seine Fehler reduziert zu werden.


Gleichzeitig erkennen wir, dass wir nicht in der Lage waren, Dir etwas anderes anzubieten. Wir haben lediglich gesehen, dass das uns vorgestellte “Prinzip der Parteilichkeit” nicht das ist, wonach wir handeln möchten. Wir wussten, dass wir gemeinsam lernen wollten... Doch wir kannten die Alternativen nicht. Wir kannten keine anderen Prinzipien oder weitere mögliche Auslegungen von Parteilichkeit, die nicht an einen Ausschluss auf Lebenszeit gebunden sind und dadurch waren uns unsere Handlungsmöglichkeiten nicht klar.

Wir sehen und bedauern zutiefst, dass dieses Handeln viel Leid bei Dir ausgelöst hat. Insbesondere, da wir kein Angebot gemacht haben, wie es stattdessen weiter gehen könnte und uns nicht sofort darüber informiert haben. Wir sehen, dass dieser Vorfall dazu geführt hat, dass Du vollends das Vertrauen in uns verloren und im Zuge dessen die Initiative verlassen hast.

Wir erarbeiten zurzeit ein Schutzkonzept, in dem wir intensiver auf das von uns gewählte Prinzip der Restorative Justice/Community Accountability eingehen. Wir verschaffen uns dabei immer mehr Klarheit darüber, wie wir mit konkreten Vorfällen umgehen wollen.

Klar ist jedoch: Die Bedürfnisse einer betroffenen Person sollten immer Vorrang haben und wir wollen in Zukunft insofern parteilich sein, als dass der Schutz und das Schaffen von Safer Spaces für Betroffene an erster Stelle stehen.



Du hast Dich an mich gewandt

Nachdem der Vorfall passiert ist, hast Du Dich im Vertrauen an mich gewandt. Du hast mich gebeten für Dich da zu sein und auf Dich aufzupassen und ich wollte das so gerne tun. Ich hoffe sehr, dass Du Dich zumindest die ersten Wochen sicher fühlen konntest, ich Dir Trost spenden konnte und ich Dir die Unterstützung sein konnte, die Du gebraucht hast.


Doch… doch ich habe die Tragweite des Vorfalls nicht erfassen können. Mir war nicht klar, wie sehr Dich das belastet, wie dringend Du Schutz und Aufmerksamkeit gebraucht hättest. Wie dringend Du mich gebraucht hättest.

Es war eine unglaublich schnelllebige Zeit. Es ist so viel passiert. So viel Neues… und ich hab den Fokus verloren. Den Fokus auf Dich und die Situation verloren…

Ich bedauere zutiefst, als ich eines Abends zu Dir kam und Dir erzählte, wie toll der Tag war, den der Beschuldigte und ich zusammen erlebt hatten. Mir war nicht bewusst, dass Du den Tag zu Hause verbracht hattest, weil Du ihm nicht begegnen wolltest. Es war so viel in der Zwischenzeit passiert. Wir hatten so viele Treffen gehabt, an denen ihr beide teilgenommen hattet. Ich habe nicht bemerkt, dass sich Dein Zustand verschlechtert hat. Ich habe nicht bemerkt, dass Du mehr und mehr das Bedürfnis hattest, dem Beschuldigten aus dem Weg zu gehen… Nach all den Treffen war mir das einfach nicht bewusst.


Rückblickend erkenne ich, dass dies - vielleicht der letzte, vielleicht der erste Punkt war - an dem Du Dein Vertrauen zu mir verloren hast. Dass mein Verhalten dazu geführt hat, dass Du nicht mehr das Gefühl von Schutz und Sicherheit, von Verständnis und Unterstützung hattest.

Vielleicht hattest Du das Gefühl allein zu sein und warst zutiefst enttäuscht von mir.


Es schmerzt mich, wenn ich an mein Verhalten zurück denke. Ich wäre Dir zu gern eine gute Freundin gewesen… doch ich habe es nicht geschafft. Ich hätte so viel Leid von Dir und anderen abhalten können, wenn ich es nur geschafft hätte, Dich mehr in meinen Fokus zu nehmen und zu verstehen, wie es Dir wirklich geht.

Ich bedauere von ganzem Herzen, dass ich Dir nicht die Freundin sein konnte, die Du gebraucht hättest.



Du hast Dich an die Gruppe gewandt

Schließlich hast Du Unterstützung bei der Gruppe gesucht.

Wir möchten Dir versichern, dass wir von Anfang an die ganze Sache sehr ernst genommen haben. Wir haben Stunden zusammen gesessen, um zu verstehen, was gerade passiert und zu überlegen, wie es weitergehen kann. Wir waren schon zu diesem Zeitpunkt völlig überfordert. Keine*r von uns war jemals zuvor bewusst mit einem solchen Vorfall in Kontakt gekommen. Wir kannten keine Stellen an die wir uns hätten wenden können, keine Prinzipien, nach denen wir hätten handeln können. Wir wussten nichts darüber wie es Betroffenen oftmals in solchen Situation geht, hatten keine Vorstellung davon, wie man hier bedürfnisorientiert handeln könnte. Wir haben es versäumt uns direkt Unterstützung zu holen und uns zu informieren. Erst Monate später haben wir uns an Rehzi gewandt.

Heute ist uns klar, dass all diese Gespräche mit Dir gemeinsam hätten stattfinden sollen. Dass wir gemeinsam nach Handlungsweisen, Lösungswegen und Unterstützung hätten suchen sollen.


Am selben Abend erreichte uns eine Liste mit Forderungen von Dir. Diese Liste hat unsere Überforderung ans Limit gebracht. Wir hatten Angst. Angst vor den Konsequenzen für den Beschuldigten und für uns. Angst davor, dass ein Freund von uns als Täter abgestempelt wird - seine ganze Person auf diesen einen Vorwurf reduziert wird.

Es gab Punkte auf dieser Liste, die wir nicht ohne Weiteres erfüllen wollten. Auch wenn wir es damals nicht benennen konnten - weil wir das Prinzip der Restorative Justice noch nicht kannten - so war uns doch sehr schnell bewusst, dass wir keinen Ausschluss möchten. Wir wollten gemeinsam eine Lösung finden. Lernen und als Gemeinschaft gestärkt und sensibilisiert aus der Situation hervorgehen. Gemeinsam mit Dir und dem Beschuldigten.

Damals war uns die Schwierigkeit bis Unmöglichkeit für Dich, diesen Weg zu gehen, nicht klar, da uns das Wissen über Traumatisierung und ihre Auswirkungen fehlte. Mit dem Wissen, das wir heute haben, glauben wir, aus Deinen Texten herauslesen zu können, dass Du durch das Geschehene eine Traumatisierung erfahren hast und daher - wie oben beschrieben - bestimmte Dinge für Dich gar nicht möglich waren. Wenn das so nicht stimmt sollte, dann nehmen wir das natürlich zurück…


Wir wünschten uns Austausch und eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage, wie es nun weiter gehen kann. Wir schafften es jedoch nicht, genug Klarheit zu finden und diese Bedürfnisse zu kommunizieren. Gleichzeitig haben wir nicht gesehen, dass dies vielleicht für Dich gar nicht leistbar war und retraumatisierend hätte sein können.


Aufgrund unserer Überforderung und Angst waren wir nicht in der Lage, mit Dir in einen offenen Austausch darüber zu gehen. Wir hätten ein Gegenangebot machen sollen, schauen, welcher Deiner Forderungen wir hätten nachgehen können und Dir gleichzeitig erklären sollen, was uns hindert, all Deinen Forderungen bedingungslos nachzukommen.

Wir bedauern, dass wir zu sehr mit uns und unseren Emotionen beschäftigt waren und unser Bedürfnis nach Sicherheit über Deines gestellt haben.


Heute erkennen wir, dass wir mit unserem Handeln das Vertrauen, das Du in uns gesetzt hattest, zerstört haben. Wir haben Dir nicht die Unterstützung und Sicherheit gegeben, die Du gebraucht hättest. Wir sehen, dass wir Dir das Gefühl gegeben haben, alleine zu sein und nicht verstanden zu werden. Dadurch haben wir Dir den Zugang zu der Gemeinschaft genommen. Wir bedauern zutiefst, dass wir mit unserer Reaktion viel Leid bei Dir hervorgerufen haben.

An dieser Stelle möchten wir Dir versichern, dass wir von Anfang an keinen Zweifel an Deinem Erleben der Situation gehabt haben und Deine Wahrnehmung voll und ganz anerkennen. Wir haben immer mit Dir gefühlt. Auch wenn uns die Tragweite der Geschehnisse auf Dich erst mit der Zeit klarer wurde.



In den letzten Monaten haben wir uns intensiv mit dem auseinandergesetzt, was passiert ist. Wir sehen nun, wie wichtig es ist auf die Bedürfnisse einer Betroffenen einzugehen und darüber Bescheid zu wissen, was Traumatisierung, sexuelle und sexualisierte Gewalt bedeuten. Wir verstehen mehr und mehr die Rolle und den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse auf unser Handeln und Denken. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen ist wichtig. Sie bringt ein besseres Verständnis dafür, wie es Betroffenen geht und hilft Machtverhältnisse nicht unbewusst anzunehmen und zu reproduzieren.


Wir hätten auf die Bedürfnisse hinter Deinen Forderungen schauen sollen und gemeinsam mit Dir Wege finden können, diese zu erfüllen. Uns war klar, dass es wichtig gewesen wäre, Dir einen Safer Space zu schaffen, damit Du Dich wieder in unserer Gemeinschaft hättest wohlfühlen können. Gleichzeitig hatten wir Angst. Angst davor, dass es keinen Weg mehr zurück gibt, wenn wir den Beschuldigten ausschließen. Daher haben wir uns lange vor dieser Entscheidung gedrückt.

Heute wissen wir, dass der Schutz von Betroffenen immer die oberste Priorität haben sollte. Safer Spaces müssen kurzfristig und unkompliziert eingerichtet werden, auch wenn es sich bei der gewählten Lösung erstmal um eine zeitlich begrenzte Zwischenlösung handelt. Im Zweifel müssen die Bedürfnisse der beschuldigten Person hinter dem Sicherheitsbedürfnis des*der Betroffenen zurückstehen, was bedeutet, dass wir eine beschuldigte Person bitten, sich zurückzunehmen, um zwischenzeitlich Safer Spaces für Betroffene zu ermöglichen.

Wir haben erkannt, dass die Gewährleistung eines sicheren Umfelds die Voraussetzung für eine langfristige Aufarbeitung der Situation ist. Dabei steht das Bedürfnis der Betroffenen nach Sicherheit im Vordergrund, das unabhängig von anderen Aspekten umgesetzt werden sollte.



Unser erstes Gespräch mit Dir

Nachdem Du die Telegram Nachricht sowie die Liste mit Forderungen an uns herangetragen hast, trafen wir uns mit Dir zu einem gemeinsamen Gespräch.

Vor dem Gespräch hattest Du uns bereits mitgeteilt, dass Du überlegst, rechtliche Schritte gegen den Beschuldigten einzuleiten. Gleichzeitig hast Du in dem Gespräch geäußert, dass Du möchtest, dass der Beschuldigte nie wieder für soziale Organisationen arbeiten sollte. Dies löste bei uns Panik aus, worauf hin wir Dich mit Fragen konfrontierten wie „Willst Du sein Leben zerstören?“ und äußerten unsere Angst um das, was wir uns aufgebaut hatten.

Damit wollten wir Dir bewusst machen, welche Auswirkungen Deine Handlungen in Bezug auf den Beschuldigten, uns als Personen und die Initiative WandelOase haben könnten. Des Weiteren sagten wir Dir, dass die Situation auch für uns nicht leicht sei und konstruierten uns so in eine Opferrolle. Wir gaben Dir damit das Gefühl, Du seist für unser Leid verantwortlich.

Heute sehen wir, dass die Konfrontation mit möglichen Konsequenzen nicht zu einer Lösung der Situation beigetragen hat und nicht zeigte, dass wir Dich verstehen und Deine Wahrnehmung der Situation anerkennen.

Im Gegenteil: Die Betonung unserer eigenen Betroffenheit, und der Fokus auf unsere eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit, hat Dir das Gefühl gegeben, dass wir Deine Bedürfnisse nicht ernst nehmen oder als weniger wichtig ansehen.

Wir bedauern dieses Verhalten sehr. Uns ist klar, dass wir von Dir als Betroffene nicht erwarten können, in Deiner Situation Verständnis für Dritte oder gar Empathie für den Beschuldigten aufzubringen.

Um ähnliche Reaktionen zukünftig zu verhindern, wollen wir unsere Überforderung und Unwissenheit kommunizieren. Wenn wir Zeit brauchen, um einen Umgang mit der Situation zu finden, dann möchten wir unsere Bedürfnisse mitteilen und im Zweifelsfall Hilfe hinzuziehen.


Im selben Gespräch hast Du vorgeschlagen, die WandelOase in zwei Bereiche (Kalk und Neuehrenfeld) aufzuteilen, um in Zukunft nicht mehr mit dem Beschuldigten in Kontakt zu kommen. Diesen Vorschlag haben wir schnell abgelehnt, mit der Begründung, dass eine Aufteilung der WandelOase in zwei Teile nicht mit unserer Idee einer Gemeinschaft vereinbar ist.

Wie wir oben bereits gesagt haben: wir blockten ab, solche - wie wir damals fanden radikalen - Schritte zu gehen, da wir die Befürchtung hatten, dass es kein Zurück mehr gäbe.

Durch diese Zurückweisung haben wir Dein Bedürfnis nach einem Safer Space nicht erfüllt und Dir somit das Gefühl der Sicherheit genommen. Gleichzeitig haben wir keine alternative Lösung zur Einrichtung von Safer Spaces angeboten oder wirklich ernsthaft diskutiert.

Heute sehen wir, es wichtig ist schnell zu handeln und erste Schritte zu gehen. Wir haben erkannt, dass ein Ausschluss nicht auf Lebenszeit ausgesprochen werden muss, dass sich die Auseinandersetzung in einem Prozess befinden darf und dass man regelmäßig prüfen kann, ob die momentane Lösung weiterhin für alle Beteiligten passt oder ob man nach neuen Wegen suchen sollte.

Wir bedauern von Herzen, dass wir es nicht geschafft haben Dir einen Safer Space zu bieten; dass wir nicht erkannt haben, dass wir Handlungsmöglichkeiten gehabt hätten; dass wir Dir dadurch so viel Leid zugefügt haben.

Stattdessen haben wir ein Mediationsgespräch vorgeschlagen… Eine Lösung, die für uns damals passend erschien. Unser Bedürfnis war die Situation durch Kommunikation und durch Gespräche zu klären. Durch unseren einseitigen Lösungsvorschlag haben wir Druck bei Dir aufgebaut und Dir das Gefühl gegeben verurteilt zu werden, weil Du nicht an der Mediation teilnehmen wolltest. Wir hätten fragen müssen, was Du stattdessen brauchst, oder was Du als Vorbereitung benötigst. Wir hätten eine gemeinsame Lösung erarbeiten sollen.

















Wir haben unreflektiert den gesellschaftlichen Umgang mit Betroffenen übernommen und reproduziert.

Heute sehen wir, dass das Verhalten welches wir in diesem Gespräch gezeigten haben, sich die nächsten Wochen immer wieder wiederholte.


Bedürfnisse Betroffener

In Zukunft sollen dabei die Bedürfnisse einer betroffenen Person Priorität haben: Wir möchten diese aktiv erfragen und gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir auf die Bedürfnisse eingehen können. Wir möchten Schutz und Safer Spaces bieten. Wir möchten die Möglichkeit geben das weitere Vorgehen mitzugestalten und Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Gleichzeitig sind die Bedürfnisse anderer involvierter Personen nicht unwichtig. Wir möchten unser Handeln und unsere Reaktionen flexibel an die konkrete Situation anpassen dürfen und dabei keine Lösung erzwingen, die uns in der jeweiligen Situation gerade am besten passt, sondern in einem ehrlichen Austausch nach Möglichkeiten suchen.

Wir möchten die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen umzusetzen, ohne dabei über persönliche Grenzen hinaus zu gehen. Wir möchten regelmäßig überprüfen, ob das bisherige Vorgehen und die bisher gewählten Lösungen weiterhin so passen; sowohl für die betroffene und beschuldigte Person als auch für uns.



Distanzierte Kommunikation

Die Kommunikation mit Dir war von unserer Seite aus von Beginn an sehr distanziert. Die Ankündigung von rechtlichen Schritten gegen den Beschuldigten hat uns große Angst gemacht. Wir haben in Gesprächen mit Dir jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, in der Befürchtung etwas Falsches zu sagen und somit die Situation für Dich, uns als Initiative und den Beschuldigten noch zu verschlimmern. Wir nahmen Dich als Bedrohung wahr, was dazu führte, dass immer weniger ein offener und ehrlicher Austausch stattfinden konnte. Diese Kommunikation im Verteidigungsmodus hinderte uns daran, gezielt auf Deine Bedürfnisse einzugehen. Sie führte auch dazu, dass wir Dir nicht ganz klar und ehrlich gesagt haben, dass wir Deine Wahrnehmung und Dein Erleben der Situation voll und ganz anerkennen.


Wir bedauern zutiefst, dass dies sogar dazu führte, dass Du daran gezweifelt hast, ob wir Dir Glauben schenken. Es war zu keiner Zeit unsere Absicht Dich zu verunsichern und es tut uns leid, dass Du Dich durch die distanzierte Kommunikation manipuliert gefühlt hast. Wir erkennen an, dass Du unser Verhalten als Gaslighting empfunden hast, möchten den Vorwurf der gezielten Manipulation jedoch entschieden zurückweisen.


Uns ist jetzt bewusst, wie wichtig es ist, die Wahrnehmung der Betroffenen bedingungslos anzuerkennen und dies auch klar zu äußern. Jede*r Betroffene reagiert anders und jede Reaktion ist in Ordnung und hat ihren Platz. In Zukunft möchten wir ehrlich kommunizieren. Wir möchten externe Hilfe suchen, wenn wir selbst zu sehr emotional involviert sind. Dies verhindert Leid bei Betroffenen und bildet die Basis für jeglichen weiteren Austausch.



Ich habe mich zurückgezogen, obwohl ich wirklich für Dich da sein wollte

Am Tag, als Du Dich an die Gruppe gewandt hast, sprachst Du zuerst mit mir. Mir lag es am Herzen, Dich zu unterstützen, schenkte Dir meinen Glauben und war für Dich da, als es Dir an dem Abend schlecht ging.

In der folgenden Zeit war ich emotional aufgewühlt und oft überfordert. Ich fühlte mich durch Deine häufigen Anrufe und Nachrichten unter Druck gesetzt und verunsichert, weshalb ich zum Teil nicht oder erst später - und meist nur durch Nachrichten statt Rückrufe - darauf reagierte. Da ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und Angst davor hatte, etwas Falsches zu tun, zog ich mich zurück, ohne das klar zu äußern. Ich nahm mich damit aus der Verantwortung. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich irgendwann einfach nicht mehr für Dich da war und Dir auch damit die Gemeinschaft abgesprochen habe. Inzwischen weiß ich, wie wichtig es gewesen wäre, ehrlich und transparent mit Dir zu kommunizieren und Dir dabei gleichzeitig nicht die Schuld dafür zu geben, wie es mir in dem Moment geht.


Ich habe mich komplett raus gezogen und nie mit Dir über alles gesprochen

Aufgrund von Erfahrungen mit sexualisierter bzw. sexueller Gewalt in meinem engeren Freundes- und Familienkreis war ich selbst getriggert und habe daher von Beginn an Deinen Umgang und Dein Verhalten verurteilt und nicht ernst genommen. Ich weiß nun, dass dies falsch von mir war und dass jede*r Betroffene auf die eigene Art und Weise reagieren darf. Ich habe mich aufgrund dieser Beurteilung aus der Verantwortung gezogen, mich distanziert und nur als Teil der Gruppe und wenn es unumgänglich war mit dem Fall befasst. Ich sehe, dass dieses Verhalten dem derzeit vorherrschenden gesellschaftlichen Umgang mit Grenzüberschreitungen entspricht und ich stark von diesen geprägt bin. Dafür möchte ich nun Verantwortung übernehmen und beschäftige mich inzwischen intensiv mit der feministischen Bewegung und Auswirkungen auf Betroffene diverser Arten von Gewalt.



Das hat nichts mit der WO zu tun

Damals waren wir der Meinung, dass die WandelOase nichts mit der ganzen Sache zu tun hat. Ein Vorfall im Privaten, nach einer externen Party hatte für uns nichts mit unserer Initiative zu tun.


Heute sehen wir, dass das eine Art Vorwand war: Wir hatten totale Angst, etwas Falsches zu tun und damit der WandelOase zu schaden und zu zerstören, was wir geschaffen haben. Wir waren doch bloß Freunde, die eine schöne Gemeinschaft gegründet haben, um ein bisschen mehr Liebe, Leichtigkeit und Kreativität in unsere Mitwelt zu tragen und gemeinsam lernen zu können. Damals haben wir uns noch gar nicht richtig als Institution begriffen und wollten uns aus der Verantwortung ziehen.


Wir bedauern, dass wir die WandelOase aus der ganzen Sache raushalten wollten und dies auch getan haben, indem wir der Gemeinschaft nichts von der Situation erzählt haben.


Heute wissen wir, dass wir als öffentliche Institution Verantwortung tragen. Sowohl als Einzelpersonen als auch als Institution wollen wir uns aktiv für alle stark machen.

Die letzten Monate haben uns viel über uns als Gemeinschaft gelehrt. Unsere Werte haben sich geschärft. Wir möchten ehrlich kommunizieren, bedürfnisorientiert und transparent handeln und miteinander lernen.

In Zukunft wollen wir diese Werte leben und repräsentieren. Wir als Gemeinschaft sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.


Gespräch mit dem Beschuldigten & Privatsphäre

Nachdem Du uns erzählt hast, wie es Dir geht, haben die Meisten von uns Dir im Laufe der Gespräche gesagt, dass wir erstmal mit dem Beschuldigten reden wollen. Im Anschluss an das Gespräch mit ihm sagten wir Dir, das wir uns nicht mehr sicher seien, was passiert ist.

Wir möchten an dieser Stelle nochmal klarstellen, dass wir nie an Deinem Erleben der Situation zweifelten. Wir hatten das Gefühl, dass der Stempel Täter nicht gerechtfertigt sei. Wir wollten unseren Freund weder verletzen noch verurteilen. Ohne Dir das zu sagen, haben wir vor allem darauf geschaut, wie die damaligen Umstände und Deine Entscheidungen zu der Situation beigetragen haben, rechtfertigten aufgrund unserer gesellschaftlichen Prägung das Verhalten des Beschuldigten und betrieben dadurch Victim Blaming.


Gleichzeitig wollten wir niemanden in eine zementierte Täter- oder Opferposition drängen. Nachdem wir uns inzwischen damit befasst haben, sind wir heute überzeugt, dass wir nach restaurativen bzw. transformativen Ansätzen handeln wollen. Doch da wir dies zu dem Zeitpunkt noch nicht ausdrücken konnten, drucksten wir rum und sprachen davon, Privatsphären und Persönlichkeitsrechte zu schützen. Wir wollten Dir nie verbieten über Deine Erlebnisse zu sprechen, wir hatten das Bedürfnis, dass unsere Freunde und Gemeinschaft einen Freund nicht abstempeln und verurteilen und damit aus Deiner Sicht Silencing betrieben. Statt Dich zu unterstützen haben wir Dir das Gefühl gegeben, Dir nicht zu glauben und Dich sogar zu beschuldigen.



Weiterleitung privater Nachrichten

Ich möchte mich bei Dir dafür entschuldigen, dass ich - nachdem wir viel über das Schützen von Privatsphäre und Persönlichkeitsrechten gesprochen haben - private Nachrichten zwischen uns an den Beschuldigten weitergeleitet und damit sehr viel Leid ausgelöst habe. Und dafür, dass ich Dir auf Deine Nachfrage diesbezüglich nicht geantwortet habe.

Ich hatte das Bedürfnis einen Freund zu unterstützen, obwohl ich vorher davon sprach, mich auf keine Seite stellen zu wollen. Ich hatte außerdem das Gefühl, angegriffen zu werden und dass er angegriffen wird und wollte ihn und uns davor schützen. Ich handelte insgesamt in der ganzen Zeit sehr emotional gesteuert und machte mir nicht bewusst, was mein Handeln in Dir auslösen und welche Auswirkungen es haben könnte - dass es Dir das Gefühl von Silencing geben und Dir viel Leid zufügen würde. Heute sehe ich, dass mit diesem Handeln aus dem Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit, ein gesellschaftlich geprägtes Schema angenommen und reproduziert habe. Diese Fehler sind mir nun klar geworden.



Ausschluss vom Festival

Zwei Wochen nachdem Du uns die erste Nachricht geschrieben hast, haben wir ein kleines privates Festival veranstaltet, das Du mit organisiert hast. Kurz vor dem Festival, standen wir vor der Frage, wie wir mit dem Vorfall auf dem Festival umgehen sollten.

Uns fehlte die Zeit und die Kraft, für uns persönlich und als Initiative einen Umgang mit der gesamten Situation zu finden. Für einige von uns stand im Vordergrund, die Privatsphäre des Beschuldigten zu schützen. Für andere eher, den Vorfall komplett aus der Veranstaltung herauszuhalten, da wir aufgrund von Überforderung nach einer langen, kräfteraubenden und emotionalen Auseinandersetzung mit dem Vorwurf Ruhe und Entspannung brauchten.


Schließlich entschieden wir, Dich vom Festival auszuschließen. Der Beschuldigte kam einem Ausschluss zuvor, indem er sich selbst zurückzog, daher hielten wir die Entscheidung für eine ausgeglichene Lösung. Wir bedauern sehr, dass wir Dich durch den Ausschluss eines tollen Erlebnisses und der Gemeinschaft beraubt haben und dies letztlich entscheidend dazu beigetragen hat, dass Du Dich komplett aus dem Umfeld der WandelOase zurückgezogen hast. Ein weiteres Mal waren wir mit uns beschäftigt, statt uns um Dich zu kümmern.


Heute erkennen wir, dass dieser Ausschluss durch ein klares Schutzkonzept hätte vermieden werden können.

Durch die Ausarbeitung eines Schutzkonzepts möchten wir zukünftig dafür sorgen, dass Betroffene schnellstmöglich Unterstützung und Schutz erhalten und uns unsere Prioritäten sowie Handlungsmöglichkeiten klar sind.



Verständnis aufbringen

In einem unserer letzten Gespräche, habe ich noch einmal deutlich gemacht, dass ich nicht an Deiner Wahrnehmung des Vorfalls zweifle und Dein Leid nachvollziehen kann. Ich war bestürzt darüber, dass Du daran gezweifelt hast, ob wir Dir glauben. In diesem Gespräch habe ich jedoch auch versucht, Verständnis für den Beschuldigten bei Dir auszulösen. Ich habe mich in den Beschuldigten hineinversetzt und mich gefragt, ob mir so etwas nicht auch hätte passieren können, was ich Dir auch so mitgeteilt habe. Mir ist heute bewusst, wie leicht Situationen entstehen können, die als grenzüberschreitend und gewaltvoll erlebt werden, wenn Menschen nicht über Gewaltformen und Zustimmungskonzepte aufgeklärt sind und wie viel Nachholbedarf insgesamt bei der Sensibilisierung für dieses Thema besteht.


Meine Hoffnung war damals, dass der Konflikt aufgelöst werden kann, wenn beide Seiten versuchen Verständnis füreinander aufzubringen, und anfangen aufeinander zuzugehen. Das war jedoch nicht das was Du wolltest oder überhaupt konntest. Das habe ich nicht erkannt oder wollte es vielleicht nicht erkennen. Du wolltest keine Empathie für den Beschuldigten aufbringen, was auch Dein gutes Recht ist und vollkommen nachvollziehbar ist. Ich habe eine Lösung, die mir gepasst hätte, über Deine Bedürfnisse gestellt. Zudem habe ich Dir damit implizit auch meine Bewertung des Vorfalls, die Du als ein Herunterspielen der Schwere des Vorfalls aufgefasst hast, aufgezwungen. Ich weiß jetzt, dass es mir nicht zusteht, Dir in Deine Bewertung des selbst Erlebten reinzureden und Deine Sichtweise ändern zu wollen. Ich bedauere dieses Verhalten sehr.



Du hast die WandelOase verlassen

Nachdem wir Dich vom Festival ausgeschlossen haben und uns gegen das uns vorgestellte Prinzip der Parteilichkeit entschieden, sagtest Du uns, dass Du aus der WandelOase austrittst.

Wir haben uns nicht darum bemüht zu schauen, was Du brauchst, um weiter ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Stattdessen sahen wir, dass wir nun unserem Bedürfnis nach etwas Ruhe Raum geben konnten, ohne zu sehen, dass wir Dich damit allein gelassen haben.

In den folgenden Monaten versuchten wir in die Zukunft zu schauen, entwickelten Aufschläge für ein Schutzkonzept und schrieben unsere Werte nieder. Jedoch reagierten wir nicht auf Deine Veröffentlichungen. Wir dachten immer noch, dass die WandelOase nichts damit zu tun hatte und wollten keine öffentliche Aufmerksamkeit auf unsere Fehler lenken.

Inzwischen sehen wir, dass wir die Situation durch unser Schweigen und Nicht-Reagieren nur schlimmer gemacht haben. Wir gaben Dir das Gefühl, immer noch nicht gehört zu werden. Gleichzeitig sehen wir, dass es ein Privileg ist, sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen und sich so lange Zeit zu lassen…

Heute sehen wir, dass Du dieses Privileg nicht hast und bedauern, dass unser langsames Handeln dazu geführt hat, dass sich Deine Aufarbeitung der Situation so lange hinzieht.



Ich wollte nicht mehr Deine Kontaktperson sein

Als das Ganze vor Gericht gegangen ist, wurde es mir einfach zu viel. Ich hatte Angst mit meinen Worten oder Taten der WandelOase oder dem Beschuldigten zu schaden und habe mich total zurückgezogen. Ich habe nicht mehr auf Deine Anrufe reagiert, weil ich überhaupt nicht wusste, was ich sagen oder wie ich mich verhalten soll. Ich war so verunsichert, dass ich Dich auch nie zurückgerufen, sondern lediglich mit Nachrichten geantwortet habe. Nach Deinem Anruf nach der ersten Gerichtsverhandlung war ich dann so überfordert, dass ich Dir gesagt habe, dass ich keinen Kontakt mehr möchte und Du mit Sicherheit andere Menschen hast, die Dich da unterstützen können. Durch meine Unwissenheit und meinem starken Bedürfnis nach Ruhe habe ich zum damaligen Zeitpunkt einfach keine Lösung gesehen, die gut gewesen wäre, deshalb habe ich mich einfach aus der Verantwortung gezogen.

Heute ist es mir unangenehm, wenn ich darüber nachdenke, Dich mit der Situation komplett alleine gelassen zu haben. Du hast mich um Unterstützung gebeten und ich habe den Kontakt zu Dir abgebrochen, ohne wirklich zu wissen, ob Du jemanden hast, mit dem Du über die Geschehnisse sprechen kannst. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich meine Bedürfnisse über Deine gestellt habe und so egoistisch gehandelt habe. Du musst Dich schrecklich alleine und im Stich gelassen gefühlt haben und das tut mir von Herzen leid. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, Bedürfnisse wahrzunehmen und Safer Spaces zu ermöglichen. Du hättest nie alleine mit der Situation gelassen werden sollen. Klarheit muss durch Kommunikation geschaffen werden und gemeinsam mit Dir hätte ich das weitere Vorgehen besprechen können. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht, wie ich hätte vorgehen können und habe auch nicht die Option gesehen, sich Hilfe von anderen Menschen im nahen Umfeld oder auch extern dazu zu holen. Heute weiß ich, dass es in Ordnung ist Überforderung und Unsicherheit zu zeigen. Grundsätzlich wäre es wichtig gewesen, meine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und auch Deine zu erfragen. Das ich das alles erst so spät erkannt habe tut mir unfassbar Leid.



Du hast mich kontaktiert

Als ich Dich damit konfrontiert habe, dass es der beschuldigten Person nicht gut ginge wollte ich damit nicht implizieren, dass Du für sein Leid verantwortlich seist. Ich wollte kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen, sondern wollte Verständnis für seine Situation wecken. Ich bedauere, dass ich Dich für sein Leid verantwortlich gemacht habe und dass es bei Dir so rüberkam, als wärest Du dafür verantwortlich.

Ich habe gelernt wie wichtig ein sensibler Umgang mit Betroffenen Personen ist und würde in der Zukunft solche Anschuldigungen nicht mehr tätigen.









Unsere heutige Beziehung zu dem Beschuldigten

Der Beschuldigte hat sich inzwischen komplett aus der WandelOase zurückgezogen und versteht sich nicht mehr als Teil unserer Gemeinschaft. Unsere persönlichen Beziehungen zu dem Beschuldigten leiden aufgrund von weiteren Fehlern, die wir gemacht haben. Uns schmerzt, dass unsere Handlungen insgesamt so viel Leid ausgelöst haben und wir es nicht schafften, die Gemeinschaft aufrecht zu erhalten.



Gesellschaftliche Machtverhältnisse

In den letzten Monaten haben wir uns intensiv mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen auseinander gesetzt. Wir erkennen, dass wir diese an vielen Stellen unbewusst angenommen und reproduziert haben.

Betroffene erleben oftmals, dass sie ausgeschlossen, beschuldigt und als eine Art “Feind” empfunden werden… Dass sie durch die Anschuldigung einer anderen Person an den Rand der Gemeinschaft gedrängt bzw. direkt oder indirekt komplett aus ihr ausgeschlossen werden.

Gleichzeitig erfahren Beschuldigte oftmals Unterstützung oder werden in Schutz genommen. Die Schuld für Vorfälle wird oft bei den Opfern gesucht und diese werden aktiv damit konfrontiert.


Schweren Herzens sehen wir heute, dass wir eben dies getan haben. Wir haben Verhältnisse reproduziert, welche seit jeher sexualisierte Gewalt tabuisieren und Betroffenen die Wahrnehmung aberkennen.

Unsere mangelnde Erfahrung mit sexualisierter Gewalt sowie der mediale und gesellschaftliche Einfluss, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind, haben in uns das die Angst geweckt, dass wir nicht über den Vorwurf sprechen dürften und beschuldigte Personen automatisch stigmatisiert werden. Wir haben nach Erklärungen gesucht, den Beschuldigten in Schutz genommen und darauf geschaut, wie die Umstände und Deine Entscheidungen zu der Situation beigetragen haben.


Heute sehen wir, dass wir die Möglichkeit haben, anders zu handeln und ein Umdenken in uns, unserer Gemeinschaft und damit letztlich in der Gesellschaft anzustoßen.

Wir tragen Verantwortung dafür, auf diese Machtverhältnisse, in denen wir alle leben, aufmerksam zu machen. Wir haben die Verantwortung dazu beizutragen, dass Betroffene nicht mehr länger ausgeschlossen werden und dass sie Unterstützung erfahren.

Wir haben die Wahl! Wir haben die Wahl anders zu handeln. Wir haben die Wahl, aufzuklären und zu sensibilisieren. Wir haben die Wahl zu unseren Fehlern und unseren alten, unbewussten Glaubenssätzen zu stehen und so einen Beitrag dazu zu leisten, dass Machtverhältnisse nicht weiter reproduziert werden.



Unsere letzten Worte an Dich

Wir sind immer noch zutiefst bestürzt, wie sich alles entwickelt hat und welche Fehler wir gemacht haben.

Uns ist klar, dass wir nicht in der Lage sind, Dein Leid wieder gut zu machen. Wir hoffen jedoch, dass der Brief Dir dabei hilft, rückblickend einiges besser zu verstehen und einordnen zu können. Wenn Du Dich nach diesem Brief immernoch nicht verstanden oder gesehen fühlt, dann melde Dich bei uns. Wir sind offen für einen Austausch oder ein Gespräch.

Dafür kannst Du Dich gern jederzeit an Rehzi wenden.


Wir wünschen Dir auf Deinem Weg der Heilung alles Gute.

Helena, Rezan, Florian, Fuss, Denise und Alina


Abschließende Worte

Da dies ein offener Brief ist, möchten wir zum Schluss noch kurz das Wort an alle Leser*innen richten: Wir wissen, dass wir Fehler gemacht haben. Wenn es aus eurer Sicht Fehler gibt, die wir nicht gesehen haben, könnt ihr uns gerne darauf aufmerksam machen. Wir stehen für einen Austausch zur Verfügung.


Uns ist wichtig, dass wir unsere Fehler in Zukunft nicht wiederholen. Daher erarbeiten wir aktuell ein Konzept zum Schutz Betroffener von Grenzüberschreitungen jeglicher Art. Dieses werden wir aktiv kommunizieren und uns dafür einsetzen, nach den erarbeiteten Grundsätzen zu handeln. Gerne dürft ihr auch dieses kommentieren und Verbesserungsvorschläge machen. Darüber hinaus möchten wir aufklärende Formate ins Leben rufen, um dazu beizutragen, dass weniger Menschen die gleichen Fehler machen wie wir.


Durch die intensive Auseinandersetzung mit Themen wie sexueller und sexualisierter Gewalt, anderen Gewaltformen, Traumabewältigung, Betroffenenarbeit, Restorative Justice, Community Accountability und gesellschaftliche Machtverhältnisse haben wir beispielsweise im Rahmen von Workshops mit Rehzi Malzahn in den letzten Monaten viel gelernt. Uns ist auch bewusst geworden, wie wenig das Wissen über diese Themen verbreitet ist, was wir nicht zuletzt an uns selbst und unserem Verhalten gesehen haben.


Wir befinden uns in einer Entwicklung und bedauern, dass es erst zu so einer schlimmen Situation kommen musste, damit wir uns damit beschäftigen.

Wir möchten jede*n einladen sich frühzeitig mit diesen themen auseinander zu setzen, um Leid, wie wir es produziert haben, von Betroffenen abzuwenden.















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